„Das ist eine Riesenchance!“

Was macht das Grundeinkommen als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung so reizvoll? Prof. Dr. Jürgen Schupp vom DIW Berlin, wissenschaftlicher Leiter des Pilotprojekt Grundeinkommen, erklärt, was die Studie so interessant macht.

Jürgen Schupp
31.05.2021

„Das ist eine Riesenchance!“ – das war mein erster Gedanke als wir gefragt wurden, ob wir das Pilotprojekt Grundeinkommen wissenschaftlich begleiten wollen. Endlich können wir eine Debatte, die schon viele Jahrzehnte im philosophischen Salon geführt wird, in die soziale Wirklichkeit bringen – und mit empirischer Sozialforschung überprüfen. Wir verlassen für dieses Projekt den wissenschaftlichen Elfenbeinturm und stehen mitten in einer gesellschaftlich relevanten Debatte über unser System sozialer Sicherung in Deutschland. Diese wird nach meiner festen Überzeugung in den nächsten Jahren eher noch intensiver geführt.

Zwar gab es bereits weltweit Experimente, die auch wissenschaftlich begleitet wurden, aber ihre Erkenntnisse sind für unsere heutige Debatte wenig brauchbar. Eine jüngst veröffentlichte Metastudie belegt, dass etliche Experimente in OECD-Ländern vorzeitig abgebrochen wurden oder aus der Mitte des letzten Jahrhunderts stammen und gar nicht den Grad der Globalisierung und Digitalisierung abbilden, dem wir uns heute ausgesetzt sehen. Das im vorletzten Jahr abgeschlossene finnische Experiment liefert zwar wertvolle Erkenntnisse – allerdings nur über die Effekte auf erwerbslose Menschen. Vor diesem Hintergrund betreten wir in Deutschland mit dem Pilotprojekt wirklich wissenschaftliches Neuland.

Ist es wirklich das Grundeinkommen?

Wir möchten herausfinden, ob ein bedingungslos ausgezahlter Geldbetrag über den Zeitraum von drei Jahren zu statistisch signifikanten Veränderungen im Handeln und Empfinden führen. Dafür protokollieren wir über den Beobachtungszeitraum die Stationen im Leben jener Personen, die ein Grundeinkommen von 1.200 Euro pro Monat erhalten. Aber sind Verhaltensänderungen wirklich auf das Grundeinkommen zurückzuführen? Um das zu überprüfen, haben wir, ähnlich wie in der Medikamentenforschung, eine Vergleichsgruppe mit sozusagen statistischen Zwillingen. Sie sind sich sehr, sehr ähnlich und unterscheiden sich im Idealfall ausschließlich in der Frage: Grundeinkommen oder nicht?

Wichtig dabei ist, dass wir die Erstbefragung der 120 Studienteilnehmenden bereits vor der Stichprobenziehung durchführen.

Die Zivilgesellschaft als Auftraggeberin

Die Studie ist keine Auftragsforschung, sondern schließt an jene Forschungen an, die das DIW Berlin seit vielen Jahrzehnten tätigt. Wir wissen aus unseren Analysen, dass vor allem junge, höher gebildete und von Armut bedrohte Menschen in Deutschland die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens unterstützen. Aber spätestens seit Sommer 2016, als in der Schweiz darüber per Volksentscheid abgestimmt wurde, gibt es auch in Deutschland darüber eine breite gesellschaftliche Debatte. Es erscheint mir deswegen gerechtfertigt, eine derartig aufwändige Feldstudie zu machen, die aus Spenden der Zivilgesellschaft finanziert – also sozusagen direkt beauftragt – wird.

Was ist dran am „Homo Oeconomicus“?

Wir haben hier die Chance, wirklich zu überprüfen, ob der Mensch dem Stereotyp des „Homo Oeconomicus“ entspricht und nur handelt, wenn er dafür Anreize und Belohnungen erhält. Aus der experimentellen Ökonomie wissen wir bereits, dass unser soziales Verhalten auch von Gerechtigkeit, Fairness oder Gleichheit abhängt, für die wir ein feines Gespür haben. Aber bei aller Euphorie für die Studie: Das Feldexperiment wird keineswegs sämtliche offene Fragen beantworten. Aber einige.


Dieser Artikel ist auch erschienen im Magazin zum Pilotprojekt.

Read the English version of this article in our Basic Income Pilot Project Magazine.

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