Erwartungen vs. Realität
Eine Studie mit hunderten untersuchten Variablen liefert nicht nur erwartete, sondern auch überraschende Ergebnisse. Manche Effekte bleiben aus, andere treten in unerwarteter Form auf – und auch daraus lassen sich spannende Erkenntnisse gewinnen.
1
Wahlverhalten
Die Studie zeigt keine signifikanten Veränderungen in den politischen Einstellungen der Teilnehmenden. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass ein Einfluss ausgeschlossen werden kann. Es ist denkbar, dass sich politische Einstellungen nur über einen längeren Zeitraum verändern – oder dass ein staatlich finanziertes Grundeinkommen anders wirkt als ein spendenbasiertes, wie im Rahmen dieses Projekts. Ein staatlich organisiertes Pilotprojekt in Finnland konnte beispielsweise feststellen, dass das Vertrauen der Grundeinkommensempfänger*innen in staatliche Institutionen zunahm.
2
Risikobereitschaft
Viele Menschen sehen das Grundeinkommen als eine Art finanzielles Sicherheitsnetz, das es ermöglicht, risikobereiter zu werden. Das Pilotprojekt kann aber keine signifikanten Veränderungen in der Einschätzung der eigenen Risikobereitschaft bei der Grundeinkommensgruppe feststellen.
Nichtdestotrotz verändert sich ihr Verhalten in einem Punkt, den man auch als Zeichen gestiegener Risikofreude interpretieren könnte: Sie wechseln häufiger ihre Jobs.
3
Prokrastination
Obwohl ein Grundeinkommen finanzielle Sicherheit bietet, verändert es individuelle Einstellungen wie Prokrastination kaum.
Prokrastination meint die Neigung, Aufgaben in die Zukunft zu schieben, um sie nicht in der Gegenwart erledigen zu müssen.
Zeitbezogene Präferenzen – also die Neigung, Entscheidungen in der Gegenwart zu treffen oder auf die Zukunft zu schieben, vereinfacht gesagt: Selbstkontrolle – bleiben weitgehend stabil, da sie tief in der Persönlichkeit verankert sind.
4
Arbeitsangebot
Wir haben die Studienteilnehmer*innen und Menschen aus der Gesamtbevölkerung repräsentativ befragt, was sie schätzen, wie sich das Grundeinkommen auf die Arbeitszeit der Grundeinkommensgruppe auswirkt.
Die Grafik zeigt: Die Erwartungen liegen deutlich neben den tatsächlichen Ergebnissen. Menschen aus der repräsentativen Bevölkerung schätzen, dass die Teilnehmer*innen mit Grundeinkommen ihre Erwerbsarbeitszeit um 20 % verkürzen, auf 28 Stunden pro Woche. Auch die Kontrollgruppe geht von etwa fünf Stunden weniger Arbeit pro Woche in der Grundeinkommensgruppe aus.
Die treffsichersten Einschätzungen kommen von den Menschen mit Grundeinkommen selbst. Ihre Erwartungen liegen am nächsten an den tatsächlichen Ergebnissen: Die Teilnehmer*innen mit Grundeinkommen arbeiten fast genauso viel wie die Kontrollgruppe ohne Grundeinkommen.